Weltreise Tagebuch

#120 Chillen zwischen Ziegen und Hirschen

Carsten

05. – 09. Oktober 2018

Ziegen, Katzen, Hirsche und Johnny der Schäferhund vertreiben jegliche Langeweile. Ein kleiner Campingplatz im Zentrum der Slowakei bietet uns Ruhe und Abwechslung inmitten einer weitläufigen Natur. Klingt langweilig? Ist es nicht!

Wir wollen ein paar ruhige Tage auf einem abgelegenen Campingplatz in der Slowakei verbringen. Etwas Entspannung abseits von Tourismushochburgen und Sehenswürdigkeiten steht an. Wir hoffen auch unangemeldet noch einen Platz zu bekommen, ging ja bisher auch 😉 Doch das schöne Herbstwetter gepaart mit einem Niederländer als Besitzer lässt mich etwas unsicher werden. Vielleicht sind doch noch einige Niederländer im Herbsturlaub und nutzen wie wir den sonnigen Herbst hier in der Slowakei. Wir werden sehen. Wiedermal führen die letzten Kilometer über eine rumpelige Schotterpiste zu unserem Ziel. Uns erwartet allerdings keine Ansammlung von Wohnmobilen, sondern nur ein junger verspielter Schäferhund, der uns gleich zur Begrüßung anspringt und uns wohl sofort in sein Herz geschlossen hat 🙂 Ansonsten sind wir scheinbar alleine. Hoffentlich können wir überhaupt bleiben, sieht alles ziemlich geschlossen aus.

Eine junge Frau kommt ums Eck und heisst uns willkommen. Wir können gerne bleiben und auch das Wohnzimmer im Haus mitbenutzen. Es soll die nächsten Nächte kalt werden und falls wir möchten, könnten wir auch ein Zimmer mieten. Das klingt schon mal gut und nachdem uns alles gezeigt wurde, entscheiden wir erstmal eine Nacht im Auto zu übernachten und dann sehen wir weiter. Die Tage sind sehr sonnig gemeldet und das beheizte Wohnzimmer sollte doch für uns reichen. Die Küche ist leider nicht nutzbar, im Haus findet die alljährliche Saisonabschlussumräumputzaktion statt und alles ist ein „wenig“ durcheinander 😉 Dafür sind die Sanitäranlagen voll schön und die beiden Besitzer Betka & Marc super nett. Dazu gesellen sich noch zwei extrem gechillte Katzen, sieben Ziegen, ein paar Hühner und natürlich Johnny, der Schäferhund. Wlan gibt es im Haus, Strom sogar beim Auto. So parken wir unseren Wagen etwas abseits vom Haus neben dem Garten an einem Walnussbaum mit Blick auf die weitläufigen Wiesen. Alles eitel Sonnenschein? Leider nicht ganz, es ist nämlich kein Lebenshof, denn die Ziegen und Hühner werden auch hier ausgebeutet und letztlich geschlachtet, auch wenn sie frei herumlaufen können und gestreichelt werden. Schade.

Wachgeküsst von der Morgensonne 😉

Wir sind die einzigen Gäste auf dem Campingplatz

Morgen-Müsli-Routine

Der Herbst ist da

Wer wusste das Walnüsse zwei Schalen haben?

Die Camping-Ziegen

So langsam geht die Sonne unter und wir wollen noch schnell etwas kochen, denn es wird merklich kälter. Schnell noch etwas schnibbeln und schon kommt nicht nur Johnny angeflitzt, auch die Ziegen trotten langsam auf uns zu und versuchen sich an unserem Tisch zu bedienen. Die ersten zaghaften Verteidigungsversuche unsererseits laufen ins Leere und die folgenden energischeren helfen nur wenig. Erst unser Essen wegschliessen und die Töpfe unter Einsatz aller Hände und Füße ist dann erfolgreich, geht doch. 🙂 Nach dem wir aufgegessen haben, gehen wir noch in „unser“ neues Wohnzimmer und machen es uns auf dem Sofa gemütlich. Betka feuert den Kamin an und so können wir noch reichlich Wärme tanken bevor es für uns zurück ins Auto geht. Natürlich ist auch Johnny wieder da und zeigt uns seine Kuschelbedürftigkeit 😉

Die Nacht ist sternenklar und es gibt kaum Streulicht – in der Dunkelheit ist dann auch die Milchstraße wieder wunderschön anzuschauen. Ganz so alleine sind wir aber nun doch nicht. Die Hirsche sind in der Brunftzeit und deren Röhren ist laut und deutlich aus dem umliegenden Wald zu hören. Faszinierend was da abgeht! Wir kuscheln uns unter unseren Decken aneinander und wie immer wenn es Nachts kalt wird, ziehe ich mir noch eine Mütze an. Die frische kalte Luft zieht durch die Fensterspalten, wir hören den Hirschen zu und ehe wir uns versehen schlafen wir ein.

Sonnenuntergangskochen

Carsten beim Brutzeln auf unserem Ein-Flammen-Gourmetkocher

Der nächste Morgen empfängt uns mit Morgentau und kühlen 10 Grad. Da warten wir doch mit dem Aufstehen noch ein wenig, bis die Sonne über den Hügel kommt und uns Wärme spendet. Auf geht’s, kurz ins Bad und dann ab an den Tisch, der in der Morgensonne steht und her mit dem Müsli. Wiedermal sind wir froh über unseren Luxus…Frühstück auf einer Wiese im Sonnenschein gleich neben unserem Bett – ein Zimmer im Haus brauchen wir nicht 😉

Von Betka erfahren wir, dass sie Johnny im letzten Winter als Welpen im Wald gefunden haben und bei sich aufnahmen. Seit dem ist er extrem anhänglich und geniesst die Sommerzeit mit sooo vielen Gästen auf dem Campingplatz, wo er nur von Camper zu Camper zu gehen braucht, um die nächste Ladung Streicheleinheiten und eine kleine Zwischenmahlzeit zu bekommen. Jetzt, außerhalb der Saison leidet er fürchterlich unter Entzugserscheinungen und würde an liebsten in jeden noch verbliebenen Gast hinein kriechen. Wenn das gerade nicht geht, versucht er die Ziegen zu ärgern und die wiederum ärgern die Katzen und die Katzen gehen dem ganzen Theater einfach aus dem Weg und legen sich woanders in die Sonne. Ohne kratzen und ohne fauchen – echt gechillt! Unsereins versucht sich weiterhin im Verteidigen unserer Lebensmittel und wechselt zwischen Sofa, Bett und Campingstuhl hin und her. Das Dach unseres Autos ist auf jeden Fall kein guter Ort für Essen oder Abfall, Ziegen scheinen gut zu riechen und dort hoch kommen sie auch. Ein Versuch war es ja mal wert 😉 Unser „Verlust“ an Gemüse wurde von Betka in Form von köstlichen Radieschen und Gurken aus dem eigenen Garten mehr als ausgeglichen. Schön, dass unsere Dummheit auch noch belohnt wird 🙂

Kletterziegen

Noch einen Moment zuvor hat sie unseren Topf ausgeschlabbert 😀

Die jüngste im Bunde „Tiny“

Mein Revier

„Tiny“ hat entdeckt, dass sie an Nadines Schnürsenkeln ziehen kann 🙂

Es ist wieder Zeit zum Kochen und da dürfen die Ziegen nicht fehlen. Von Betka und Marco haben wir gelernt uns groß zu machen und mit den Armen fuchtelnd auf die Ziegen loszugehen – das sollte sie vertreiben. Pustekuchen, das Alphatier neigt ihren Kopf und geht mit ihren Hörnern gleich auf mich los. Gegenhalten und wieder groß machen ist angesagt! Juchhu, es funktioniert im dritten Anlauf und wir können weiter kochen. Während wir die letzten Happen essen, kommen die zwei Katzen und wollen tatsächlich unsere Töpfe auslecken. Na dann, viel Spaß. Diese Katzen scheinen auch veganes Essen zu mögen, sie lecken auch noch begierig unsere Schalen aus. Super, vorgespült wäre dann auch schon 😉

Und dann wäre da noch Tiny, die kleine Ziege ohne Hörner und ohne Ohrmarke 🙂 Diese kleine Ziege war bei Geburt sehr klein und darf als einzige bis heute ihre Muttermilch trinken. Sie ist wirklich süß und kommt immer wieder mal vorbei und mag es gestreichelt zu werden. Manchmal können wir sie beobachten wie sie versucht ohne Hörner gegen die größeren mit Hörnern anzukämpfen. Glücklicherweise hat sie sowas wie Welpenschutz und darf sich gefahrlos austoben.

Die Ziegen liegen ums Haus herum, die Hühner sind wie die meiste Zeit im Stall – denn tagsüber drohen Greifvögel und nachts Füchse – Johnny und die Katzen chillen auch und passend zu der entspannten Atmosphäre trotten zwei Hirsche gemütlich quer über das freie Gelände. Wir sind so begeistert von dem Anblick, dass wir einfach nur zuschauen und diesmal nicht loslaufen um eine Kamera zu holen. Sorry, aber diesmal gibt es kein Foto 😉

Neugierige „Tiny“

Meistens süß 😉

Romantisches Grasen zum Sonnenuntergang

Mal kurz auschecken wer der Boss ist

Am Nachmittag räumen wir dann endlich mal unseren Wagen komplett aus und sind selbst überrascht was da alles so hinein passt. Die roten Kisten sind übrigens auch gefüllt und bis auf die Notfallausrüstung und ein paar Kleinigkeiten haben wir alles nutzen können. Okay okay, Minimalismus geht anders – wissen wir auch 😉 Trotzdem ist es für uns ein tolles Gefühl, derart unabhängig reisen zu können und auf wenig verzichten zu müssen. Vergesst die großen Wohnmobile – die Liegefläche und der Stauraum sind entscheidend – im Sommer zumindest 😉 – nebenbei ist der Spritverbrauch auch weniger als die Hälfte, was den Geldbeutel und die Natur freut.

Am späten Nachmittag folgt nach dem geordneten Einräumen unseres Schlaftransporters das Spiel mit dem Feuer. Dank unserer letztens gekauften Pfanne können wir wieder schwenken und braten was die Vorräte hergeben und so geben heute Kithul-Honig und Soya-Sauce eine mega leckere Verbindung mit allerlei Gebratenem ein. Campingküche kann sooo lecker sein! Im Abwehren allerlei Futterneider sind wir nun geübt und die Zubereitung läuft ohne nennenswerte Unterbrechungen. Das Auslecken der Schalen und Töpfe überlassen wir wieder wahlweise den Katzen oder den Ziegen, je nachdem wer zuerst kommt. 🙂

Unser kompletter Hausrat

Das alles passt unter unser eingebautes Podest im Auto. Und die vier roten Kisten sind alle gefüllt 😉

Wir verabschieden uns schon am Abend von unseren Gastgebern und den anwesenden Tieren, denn am nächsten Morgen geht es für uns noch vor Sonnenaufgang in Richtung Niedere Tatra. Wir haben genug gechillt und recherchiert, jetzt kann es weiter gehen – quer durch die Slowakei.

P.S.: Natürlich begleitet uns Johny noch ein Stück, als wir am Morgen abfahren 🙂

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