Weltreise Tagebuch
#99 Shkodër – Südostasien in anders
Carsten
01. September 2018
Wir machen uns auf, quer durch die Stadt Shkodër, die eines der ältesten Kultur- und Wirtschaftszentren Albaniens ist. Neben der südostasiatischen Lebensweise im Zentrum finden wir im Süden auf einem Hügel die Burgruine Kalaja e Rozafës, die ihren Ursprung im 4. Jhd. v. Ch. hat und wir erhalten auch noch einen tollen Ausblick über die Stadt und das Umland.
Durch den Berufsverkehr hindurch fahren wir an Pferdegespannen vorbei, sehen Menschen am Straßenrand auf ihre Mitfahrgelegenheit warten und auch diverse Zweiräder knattern vor sich hin. Alles in allem sind es vorwiegend Männer, die den morgendlichen Betrieb ausmachen, auch in den Cafés sitzen Männer unter sich. Eine von den wenigen Frauen des Morgens treffen wir um halb acht an der geschlossenen Schranke unterhalb der Burg (zu der wir eigentlich hinauf wollen). Sie steht auf einem Privatparkplatz, der ihrem noch schlafendem Neffen gehört. Also warten wir auf der Straße und plaudern ein wenig über Deutschland, wo sie seit 47 Jahren lebt und erfahren, dass sie im Sommer für drei Monate zurück in ihre Heimat fährt, um in der Zeit des Tourismus mit der Familie zusammen zu kommen und zu helfen. Die ersten Besucher kommen zu Fuss an uns und der Schranke vorbei bevor der Mann mit dem Schlüssel eilig vorfährt. Wir haben Glück, heute hat sich eine Busreisegruppe angemeldet und die Burg öffnet eine Stunde früher als üblich, also zur Google-Öffnungszeit 😉 In den touristisch weniger bedeutenden Gebieten gibt es von Google nur sehr wenig verlässliche Informationen und viele Einheimische wissen leider auch nicht wirklich Bescheid – aber welcher Kölner kennt schon die Öffnungszeiten des Kölner Doms, nur mal so als Beispiel 😉 Der kleine Parkplatz am Kassenhäuschen ist noch leer und dank des eiligen Mannes mit dem Schlüssel, der auch der Türöffner der Burg und Kassierer in einem ist, sind wir bis auf die Reisegruppe fast allein auf den Mauern.
Burgruine Kalaja e Rozafës mit Blick auf den Skutarisee
Shkodër zwischen den Albanischen Alpen und der Burg
Bis in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts war die Burg bewohnt und wurde sogar noch bis 1913 vom Militär genutzt. Kaum vorstellbar wie hart das Leben damals gewesen sein muss, doch der gebotene Schutz war es sicher wert, wenn auch diverse Belagerer letztlich siegten. Die unfassbar dicken Mauern sind zum Teil begehbar und bieten Ausblicke in alle Himmelsrichtungen. Shkodër wird von den drei Flüssen Kir, Drin und Buna umrahmt und im Norden liegt der große Skutarisee am Rande der albanischen Alpen. Echt schön hier oben 🙂  
Nadine on Top und unten der Fluß Buna
Baukunst vergangener Tage
Raus aus dem Notausgang 😉
Blick nach Süden übers Burgplateau
Albaniens Flagge mit dem Doppelkopfadler
Selbst der Notausgang der Burgmauer ist noch intakt und kann bis zum Fuß der Grundmauer begangen werden. Nadine nutzt die Gelegenheit und schaut sich in den kleinen Gängen um, während ich denke „Nee, lass mal gut sein, bin ja nicht auf der Flucht und die ersten Meter reichen mir, um einen Eindruck zu bekommen. Echt krass eng und niedrig.“ Die Sonne hat uns gleich wieder und wir sind wieder überrascht von den Möglichkeiten irgendwo hinein oder abstürzen zu können. Wie schon öfter außerhalb von Westeuropa erlebt, sind Absperrungen mehr als rar und man ist gut beraten nicht blindlinks vor sich hin zu tappen, dafür können wir nach Lust und Laune das Gelände erforschen. Nur leider darf man nicht auf die Mauern klettern, sonst wäre noch der ein oder andere Aussichtspunkt reizvoll gewesen.
Panorama in Richtung Norden, links der Fluß Buna der in den Skotarisee fließt und rechts Shkodër
Blick in den Süden über den Fluß Drin und die dazugehörige Tiefebene
Wir brauchen noch ein paar Lebensmittel und deshalb geht es für uns auf dem Rückweg noch in einen Spar(!) zum Einkaufen und erleben dort super nette Verkäuferinnen. Irgendwie sind bisher alle total nett zu uns und sehr aufgeschlossen. Wann habe ich es mal erlebt, dass mir jemand im Supermarkt Gemüse abgewogen hat und das mit einem strahlenden Lächeln? Wir kaufen auch noch etwas Obst für die zu erwartenden Roma-Kinder, die gleich neben an wohnen und üblicherweise auf dem Parkplatz betteln. Aber was ist das richtige Verhalten in einem solchen Moment. Wir sind überfordert! Geld oder Essen oder Trinken oder gar alles oder nichts? Die Situation der benachteiligten und von der Gesellschaft nicht akzeptierten Roma ist unglaublich schwierig. Wir entscheiden uns für Obst und erleben ein nachfragendes Betteln nach Geld, Wasser und allem anderen auch noch. Egal was wir geben, das Betteln geht weiter. Wieviel müssten wir geben um das Leid der Familien spürbar zu lindern, zu groß erscheint die Armut. Es ist Mittags und die Stadt ist trubelig ohne Ende und erinnert uns an Südostasien. Das Leben findet größtenteils unter freiem Himmel statt, denn nicht jeder kann sich Geschäftsräume leisten und wo es nur geht wird angeboten und verkauft. Auf den Gehwegen sind Regale vor den Geschäften und Häuserfronten aufgebaut und zwischendrin sind Straßenhändler mit Körben oder Planen voller Waren. Auch Lastenfahrräder stehen am Straßenrand halb zwischen den parkenden Autos und halb auf dem Gehweg, wo halt gerade noch Platz ist. Und es wird alles angeboten, von lebenden Tieren zum späteren Schlachten oder Haushaltswaren, Kleidung und Ersatzteile für alles und jeden. Es scheint nichts zu geben, was es nicht gibt 😉 Allein der Blick aus dem Auto heraus ist spannend. Und ein einheitliches architektonisches Bild besitzt die Stadt auch nicht. Die verschiedensten Stile und die buntesten Farben stehen hier dicht an dicht beisammen. Gefühlt gibt es keine Ordnung. Und doch ist genau das so exotisch und wir fühlen uns weit weg von den normalen europäischen Vorstellungen einer Stadt. Leider ist auch hier wie in Asien der viele Müll und die Abgase ein großes Thema. Müll haben wir auf dem Balkan schon viel gesehen, aber hier ist er bisher am massivsten.
Zwischen Ursprung und Moderne…
…liegt eine Roma-Siedlung am Stadtrand
Kleine Handy Reihe von der Stadt
Der größte Unterschied zu Südostasien ist die Art der Fortbewegung. Während hier ein Mercedes das bewährte Mittel ist und Roller kaum vorkommen, ist es in asiatischen Städten genau anders herum. Vermutlich geht es hier deshalb auch recht chillig auf den Straßen zu und nicht wie auf einem Ameisenhaufen 😉 Aufpassen müssen wir trotzdem, denn auch hier halten sich vor allem jegliche Zweiradfahrer nicht an die Fahrtrichtung, egal auf welcher Spur 😉 Von drei Fahrstreifen (pro Fahrtrichtung) kann nur eine wirklich befahren werden, eine dient als Parkstreifen und die andere wird massiv zugeparkt, auch wenn die Polizei dann mit einer Looser-Buzzer-Hupe kommt und etwas herum zickt. Kaum ist sie weg, wird wieder dort geparkt 😉 Ich bin echt überrascht, dass der Verkehr trotzdem stetig im Fluss bleibt, als ob irgendwie ein allgemeines Interesse daran besteht, dass jeder an sein Ziel kommt. Gefällt mir 🙂 Das einzige was es nicht gibt, sind freie Parkplätze. Deshalb fahren wir zurück zum Campingplatz, dem eingezäunten Idyll am See für Campingurlauber aus dem wohlhabenden Europa und geniessen leicht nachdenklich die Abendstimmung am See. Albanien ist spannend und wir freuen uns auf die Albanischen Alpen 🙂
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